Unsere Bauern gehen auf die Straße

Bauernproteste

Traktoren rollen durch die Städte

Es ist schon beeindruckend, welche Bilder in einigen Großstädten Deutschlands in den letzten Wochen zu sehen sind. Ein Traktor nach dem anderen durchquert die Straßen. Viele Stadtbürger werden das Staunen bekommen, wie groß und modern die heutigen Traktoren geworden sind. Diese kennen viele nur noch aus dem Kinderbuch, welches sie Ihren Liebsten als Gute Nacht Geschichte am Abend vorlesen. Doch um die Traktoren geht es nicht. Es geht um viel mehr!

Es geht um das Zusehen, um das Gesehen werden und besonders um das Ansehen der heutigen Landwirtschaft. Dieses hat in den letzten Jahren stark gelitten. Unsere Landwirte werden nicht mehr als Land Wirt – sondern eher als Wirt allen Übels angesehen. Sie sind Schuld an der Nitratbelastung des Grundwassers. Sie sind Verursacher der sinkenden Artenvielfalt unserer Kulturlandschaft und dem damit verbundenen Rückgang der Insektenpopulationen. Außerdem verursacht die Landwirtschaft einen Großteil der weltweiten Treibhausgasemissionen. All diese Aspekte wurden in großen, teils weit über die Ländergrenzen hinaus in durchgeführten, Studien erforscht, diskutiert, widerlegt und noch einmal erforscht.

Foto: Berthold Korth

Arbeit der letzten Jahre gerät innerhalb kürzester Zeit in Vergessenheit

Das Problem an dieser Diskussion ist, dass man zunehmend das Gefühl bekommt das ohne Landwirtschaft alles besser wäre. Kühe würden nicht atmen und kein CO² ausstoßen. Es gäbe kein Insektensterben mehr, weil fast alles Negative ausgeschaltet sei. Und auch die Staus auf den Straßen im Sommer zur Erntezeit oder heute auf den Straßen in den Großstädten gehörten der Vergangenheit an. Und unsere Kulturlandschaft sähe dann sowieso viel ordentlicher aus.

Der Verbraucher muss sich währenddessen entscheiden, inwiefern er den heimischen Landwirten Vertrauen schenkt oder ihm die Schuld für das fehlende Umweltbewusstsein und der damit einhergehenden aktuellen Situation in die Schuhe schiebt. Pflanzenschutzmittel, Dünger und Wasser – all das brauchen Pflanzen um zu wachsen. Während sich die Landwirte Fragen, wie sie möglichst viele gesunde und qualitativ hochwertige Nahrungsmittel erzeugen, fragt sich der Verbraucher, ob es wirklich so viel sein muss? Können die Felder nicht auch mit weniger Pflanzenschutz und Dünger behandelt werden? Dabei geht es den Landwirten um moderne Technologien und die neuesten Züchtungen. Mit diesem technischen Fortschritt in der Landwirtschaft kann der Konsument von heute nur wenig anfangen. Neue Umfragen zeigen, dass er eine moderne Landwirtschaft mit viel Know-how tendenziell sogar ablehnt. Der Großteil der Verbraucher hat sich mit dem Thema „Wo kommt eigentlich mein Essen her?“ lange Zeit nicht mehr auseinandergesetzt. Einerseits weil es genug zu essen gibt. Auf der anderen Seite, weil es die Landwirtschaft versäumt hat, den Verbraucher auf ihrem Weg mitzunehmen.

Eigentlich macht es Sinn, Nahrungsmittel von seinem Nachbarn, vom Hofladen gegenüber oder aus der Nachbarschaft zu kaufen. Wir erzeugen gesunde Lebensmittel und haben gleichzeitig eine positive CO² Bilanz, da die Produkte nicht über Ländergrenzen hinweg transportiert werden müssen. Hier kann das Angebot weiter ausgebaut werden. Das funktioniert jedoch nur, wenn es auch angenommen wird.

Mehr Austausch zwischen Landwirtschaft und Enverbraucher schaffen

Foto: Berthold Korth

Das Schlimme in meinen Augen ist, die Arbeit der letzten Jahre und Jahrzehnte gerät innerhalb von wenigen Monaten in Vergessenheit. Und damit auch der Stolz eines ganzen Berufsstandes. Hinter jedem Landwirt steckt ein Mensch. Und dieser trägt Verantwortung – für seinen Betrieb, seine Mitarbeiter, seine Tiere die er hält und für seine Familie. Damit er dieser Verantwortung auch weiterhin gerecht werden kann, zieht es die Landwirte derzeit auf die Straße. Jedes Unternehmen benötigt Planungssicherheit um gewisse Investitionen auch stemmen zu können. Doch diese Sicherheit ist im letzten Jahrzehnt verloren gegangen. Es ist mehr eine Balance zwischen der gesellschaftlichen Meinung und politischer Willensbildung entstanden.

Darunter leiden insbesondere die kleinen Betriebe. Diese können nicht für jeden Bereich einen Spezialisten einstellen, der sich um die Einhaltung der jeweils geltenden Verordnungen kümmert. Und es sind mittlerweile sehr viele Verordnungen. Diese kleinen Betriebe sind jedoch das, was unsere Agrarlandschaft ausmacht. Eine bunte Mischung aus allem die in den letzten Jahren verloren zu gehen scheint. Das mag auch damit zu tun haben, dass der Landwirt von heute einen Großteil seiner Zeit im Büro verbringt. Immer neue politische Forderungen innerhalb kürzester Zeit, bringen selbst einen alt eingesessenen Landwirt an seine Grenzen. Er möchte gerne das machen was schon sein Großvater ihm beigebracht hat – mit der Natur zu leben und von den Früchten die er auf seinen Feldern anbaut. Daher ist es unverständlich zu hören, dass gerade die Landwirtschaft als Hauptverursacher für die derzeitige Situation ausgemacht wird.

Quelle: Land schafft Verbindung

Die Landwirtschaft wird sich weiter verändern und entwickeln. Der Verbraucher ist mittlerweile nicht mehr der Nachbar im Dorf, sondern wohnt als Mieter in einer Großstadt. Um diesen zu erreichen, zieht es die Landwirte in die Städte. Einerseits um auf sich aufmerksam zu machen, aber anderseits auch um den Verbrauchern wieder ein Stück näher zu treten und Vertrauen aufzubauen – in das was ihn ausmacht, die Lebensmittel die er erzeugt und die Arbeit die er geleistet hat.

 

 


Zum Autor:

Berthold Korth ist seit 2015 bei der Nufarm Deutschland GmbH in der Rolle als Regionalleiter Schleswig-Holstein, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern West tätig.